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Worüber darf man Witze machen? (MÄRZ 19)

 

Liebe Freundinnen und Freunde des politischen Kabaretts,

 

ab und zu werde ich gefragt: "Worüber darf man Witze machen, wo ist für Sie die Grenze?"

Und dann lautet meine Antwort jedes mal: 

"Ganz einfach: Ich bin weiß, männlich und heterosexuell. Das heißt, in mir vereinigen sich drei gesellschaftlich privilegierte Dominanzgruppen. Und wenn ich als ein solches Prachtexemplar auf etwas keinen Bock habe, dann ist es, mich dem "das-wird-man-doch-wohl-noch-sagen- dürfen" anzuschließen und Witze auf Kosten von unterdrückten, diskriminierten oder dominierten Gruppen zu machen. Ich bin schließlich Schalker, ich habe also Erfahrung, wie sich das anfühlt.

 

Und wenn ich sage, "Ich bin weiß", dann heißt das, dass ich gar nicht wissen kann, wie es ist, wegen der Hautfarbe diskriminiert zu werden. Und wenn z B ca 3% der Menschen in Deutschland die überwältigende Mehrheit von 97% der Menschen in Deutschland höflich darum bittet, ein bestimmtes Wort, das mit "N" anfängt im Zusammenhang mit ihnen nicht mehr zu verwenden, dann lautet der Witz darauf eben nicht: "Höhö, immer diese Sprachpolizei, immer diese political correctness der Besorgnisfraktion. Was verbieten se mir als nächstes? Führerschein? Höhö?"

 

Sondern die einzig adäquate Antwort kann nur lauten: Auch wenn ich selber kein Rassist sein will, muss ich doch kapieren, dass ich mich trotzdem immer wieder rassistisch verhalte. Unbewusst und ohne böse Absicht. Weil ich aber so selbstverständlich in meinem Weiss-sein erzogen wurde, dass ich gar nicht merke, wenn ich mich Nicht-Weissen gegenüber diskriminierend verhalte. Denn wenn ich jemanden darum bitte, mich nicht mehr Arschloch zu nennen, dann erwarte ich schließlich auch kein: "Höhö, und Drecksau willste mir dann wohl auch verbieten, oder was. Höhö?"

 

So wie ich auch als Mann oftmals gar nicht merke, wenn ich mich Frauen gegenüber diskriminierend verhalte. Das Doofe dabei ist, dass ich in meiner Kindheit ganz selbstverständlich mit männlichen Dominanzansprüchen erzogen worden bin, mit Sätzen wie z B: "Herrlich kommt von Herr, und dämlich kommt von Dame. Höhö" 

Die Folge davon ist, dass ich mich immer wieder dabei ertappe, wenn ich mich heute als erwachsener Mann unbewusst und ohne böse Absicht Frauen gegenüber diskriminierend verhalte.

Neulich sagte meine Frau zu mir, ich sei dominant. Darauf habe ich ihr geantwortet: "Red nich son dummes Zeug." Und da stand's wieder unentschieden. Für mich. Für sie sah die Sache anders aus.

 

Und richtig kniffelig wird es, wenn ich als heterosexueller Mann höre, wie eine heterosexuelle Frau einen Witz über intersexuelle Menschen macht, so z B, dass es Männer gibt, die nicht mehr wüssten, ob sie beim Pinkeln stehen oder sitzen sollen.

Zugegeben, das klingt zunächst mal wie die Retourkutsche einer scheinbar emanzipierten Frau gegen die Machoallüren einer männlich dominierten Karnevalsgesellschaft in der schwäbischen Provinz. ("Höhö")

 

Spätestens aber, wenn sich Mitglieder dieser intersexuellen Gruppe melden, und anmerken, dass die Selbstmordquote unter Menschen mit unentschiedener geschlechtlicher Identität 20 mal höher ist, als in der heterosexuellen Dominanzgesellschaft, und dass es genau solche Witze sind, die dabei ihren Teil dazu beitragen, spätestens dann sollte man sich als Hetero, egal ob männlich oder weiblich, doch nur mal kurz überlegen, ob man sich wirklich einen Zacken aus der Krone bricht, einfach mal zu antworten: "Sorry, das war mir nicht klar, das war keine böse Absicht. Ich werde es einfach in Zukunft nicht wieder machen. Vor allem auch, und nicht zuletzt, weil ich Vorsitzende einer Partei bin, die den Begriff "christlich" in ihrem Namen führt.

 

Solange aber auch nur ein Mann erklären will, wann Frauen sich diskriminiert fühlen dürfen, solange auch nur ein Weisser erklären will, wann Schwarze sich diskriminiert fühlen dürfen,

und solange auch nur eine Bundeslandwirtschaftsministerin erklären will, wann Intersexuelle sich diskriminiert fühlen dürfen, solange sollte man nie vergessen, den selben Finger, mit dem man auf die AfD zeigt, auch an die eigene Nase zu fassen.

 



Kommentare

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8 Kommentare
#8 Karin R schrieb am 11.03.2019 07:30

die Sprache wird's nicht richten. "Neger" kommt dem Wortstamm nach doch einfach nur von schwarz. Irgendwann hat man festgestellt, dass diese Leute diskriminiert werden und dass man das schon mit dem Wort Neger verbindet, also muss das Wort weg und durch "Schwarzer" ersetzt werden. Merkwürdigerweise hörte die Diskriminierung dadurch nicht auf, also war das Wort auch nichts und man kam auf "Farbiger". Und weil die Diskriminierung immer noch nicht aufgehört hat, sagt man jetzt.... ja, was eigentlich? Oder ist es schon diskriminierend, unterschiedliche Hautfarben auch nur zu bemerken?

 

Btw gefällt mir dunkle Haut eigentlich besser als meine empfindliche weiße, aber politisch korrekt sagen kann ich das nicht.

BUTZKOMMENTAR:

Nicht "Irgendwann", sondern schon immer, hat nicht "man", sondern haben Schwarze festgestellt, dass sie diskriminiert werden. Und die selben Schwarzen haben höflich darum gebeten, das "N"-Wort nicht zu verwenden. Dass Sie diese Bitte ignorieren, lass ich - wie auch den restlichen Beitrag - bewusst stehen: Als Beispiel für Empathie und Respekt der weissen Dominanzgesellschaft.

#7 Heiko Schultz schrieb am 06.03.2019 19:36

Frau Karrenbauer sieht nun den Brauch und Kultur gefährdet, wenn man nun jedes Wort auf die Goldwaage legen würde.

Ich erkenne keinen Bedarf, Kultur dadurch zu leben oder zu bereichern, noch immer Witze auf Kosten der Minderheit zu machen, zu der man selbst am wenigsten angehört.

So schwer ist das doch eigentlich gar nicht.

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#6 Andreas Dunkel schrieb am 06.03.2019 16:02

Wenn es gestattet ist, dass das "gemeine" Volk im Karneval in der Bütt Politiker, immerhin eine Minderheit, durch den Kakao ziehen darf, dann muss es auch gestattet sein, das diese Minderheit auch einmal eine andere Minderheit aus dem "gemeinen" Volk durch den Kakao ziehen darf. Noch dazu, wenn diese andere Minderheit darauf besteht als selbstverständlicher Bestandteil des "gemeinen" Volkes zu gelten! Ich bin ein Hetro und setze mich sehr gerne zum Pinkeln, wenn ich mir aussuchen darf, wo ich dieses verrichte.

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