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Sie sehn doch, et passiert nischt (DEZ 19)

Liebe Freundinnen und Freunde des politischen Kabaretts,

 

Vor einigen Jahren bin ich nach Berlin gezogen. Der Grund dafür war, dass ich in der Stadt leben wollte, in der die Leute leben, die in Deutschland unsere Politik bestimmen. Gut, fragen jetzt einige, hätte man dann nicht nach Wolfsburg zu VW ziehen müssen? Antwort: "Nein. Natürlich nicht. Sondern nach Frankfurt ins Bankenviertel."

Also präzise ausgedrückt wollte ich also in der Stadt leben, in der die Leute leben, die wir in Deutschland ins Parlament wählen. Ich wollte näher ran, an deren Alltag.

Und außerdem dachte ich mir, wo ist das Problem? In Gelsenkirchen pflegt man einen rauhen Umgangston, und in Berlin pflegt man auch einen rauhen Umgangston. Das sollte doch wohl zu machen sein.

Ich hatte nur eins nicht bedacht: Der Gelsenkirchener sagt „Na, du Arsch“, und meint damit „Hallo, mein Freund“. Ein Berliner sagt „Na, du Arsch“ und meint damit „Na, du Arsch“. Das brauchte etwas Zeit, bis ich das raus hatte.

 

Meine erste Erfahrung mit der Berliner Mentalität, da war ich ganz frisch umgezogen, das war, als ich zum Einkaufen in einen Supermarkt ging, und am Ende war nur eine Kasse auf, mit einer Kassiererin, und eine ziemlich lange Schlange davor. Also, es ging wirklich echt langsam voran, und man musste auch wirklich ne ziemliche Zeit warten. Und plötzlich plärrt einer von hinten laut aus der Schlange raus: „Zweete Kasse!“

 

Ich mein, das kannte ich von Gelsenkirchen auch. Nur, dass wir das nicht mit „ee“, sondern mit „ei“ aussprechen. „Zweite Kasse“. Das „ee“ benutzt der Gelsenkirchener vorne: „Ee, zweite Kasse“.

Der Unterschied ist nur jetzt wieder der: Wenn ein Gelsenkirchener ruft: „Ee, zweite Kasse“, dann meint der: „Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe, aber die Schlange hier ist nämlich jetzt doch schon ziemlich lang. Könnten Sie freundlicherweise mal kucken, ob jemand eine zweite Kasse öffnen würde. Das wäre sehr nett. Nichts für ungut.“

Der Berliner ruft: „Zweete Kasse!“ und meint damit: „Zweete Kasse!“

 

Und jetzt ist es ja so: Wenn irgendwo in Deutschland, von Flensburg bis Oberammergau irgendjemand durch den Supermarkt rumproletet: „Zweete Kasse!“, dann wird der in 99% der Fälle von den anderen Kunden schräg angeguckt, und vor allem fühlt sich die Kassiererin dadurch jetzt nicht unbedingt charmant angeflirtet.

Gut, außer in Gelsenkirchen, aber da weiß die Kassiererin ja, wie es gemeint ist, und antwortet entsprechend:

„Aber selbstverständlich frag ich doch gerne mal für Sie nach einer zweiten Kasse.“

Was dann also in etwa so klingt: „Pass ma auf Männeken, noch einmal, und du stellst dich ganz nach hinten an.“

 

Wie auch immer, wenn man also in ganz Deutschland, von Flensburg bis Oberammergau als Kunde um Eröffnung einer zweiten Kasse bittet, dann passiert zu 99% folgendes: die Kassiererin drückt auf einen Knopf und spricht in ein Mikrofon: „Zweite Kasse bitte.“

Und dann vergehen ca 30 Sekunden, und jemand macht eine zweite Kasse auf. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kassieren sie noch heute.

 

In diesem Berliner Supermarkt aber passierte folgendes: Der Kunde röhrte: „Zweete Kasse!“, und die Kassiererin hat, ohne ihren Vorgang zu unterbrechen, ohne aufzublicken, während sie die Artikel über den Scanner zieht, en passent, das Kommando einfach identisch wiederholt. Brüllt einfach in die Luft des Supermarkts: „Zweete Kasse!“, und macht einfach stoisch weiter mit Kassieren. Schau mal an, dachte ich. Wer mal erleben will, wie sich das anhört, wenn ein Echo an einem Felsen einfach abprallt, muss nicht mehr in die Alpen fahren, sondern nach Berlin.

 

Und damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Denn jetzt passierte folgendes. Nämlich: Nix.

Es vergehen 30 Sekunden, und niemand macht eine zweite Kasse auf. Es vergehen 60 Sekunden, 120 Sekunden. 120.000 Sekunden. Keine zweite Kasse.

 

Aha! dachte ich, das ist der Kampf gegen den Kapitalismus an der Basis, an seiner Wurzel. Die unterbezahlte, ausgebeutete Kassiererin sagt sich: Ich lass mich nicht hetzen, schließlich bin ich hier auf der Arbeit, und nicht auf der Flucht.

 

Das blöde ist jetzt nur, dass währenddessen aber die Schlange an der ersten Kasse immer länger wird. Während die Kassiererin einfach stoisch weiter kassiert. Und nach ungefähr 3 - 12 Minuten ruft jetzt wieder jemand von hinten aus der Schlange: „Zweete Kasse!“.

Und jetzt bricht die Kassiererin ab, holt kurz Luft, und ruft in die Schlange zurück:

„Ick hab doch bescheid jesacht. Se sehn doch, et passiert nischt.“, und ..... 

kassierte stoisch weiter.

 

Also kein zweiter Durchruf, geschweige denn, vielleicht sogar mal ins Mikrofon, so dass eine andere Kassiererin in diesem Supermarkt überhaupt Kenntnis davon erhalten könnte, dass eine zweite Kasse benötigt wird. Nee. "Se sehn doch, et passiert nischt.“ Und damit war die Angelegenheit für die Kassiererin erledigt.

 

Und – jetzt kommts: Für die Kunden auch.

Protest? Beschwerden? Widerstand? Nix.

Zwee mal jemeckert, und dann war die Sache vorbei.

Der Berliner hört: „Se sehn doch, et passiert nischt.“

Und dann gibt er auf. Dann resigniert er einfach.

Wo ging das dritte Reich zu Ende? In Berlin.
Wo ging die DDR zu Ende? In Berlin

Wenn der Berliner also eines gut kann, dann Kapitulieren.

 

Wo in anderen Städten gerne auch mal soziale Kontrolle und Spießbürgerlichgkeit vorherrschen, gilt Berlin ja als weltoffen und tolerant. Das ist aber kein Wesenszug. Das ist die pure Kapitulation.

 

Welchen Städtenamen hatte die große deutsche Fluggesellschaft, die vor ein paar Jahren pleite ging? Air Berlin.
Von allen Fußballvereinen die jemals Bundesliga gespielt haben, wer steht da in der ewigen Tabelle an letzter Stelle? Tasmania Berlin.

Welche Stadt ist von 401 Städten in ganz Deutschland in einer repräsentativen Umfrage an letzter Stelle in Sachen Attraktivität und Lebensqualität?

Gelsenkirchen.

 

Oder wie ich schon sagte, eigentlich sollte eine Verbindung zwischen Gelsenkirchen und Berlin doch zu machen sein. Was mir damals allerdings noch nicht klar war, und was ich auf Laufe der Zeit erst noch unvermeidlich in Berlin zu lernen hatte: „Sie sehen doch, es passiert nichts.“ war nicht nur das Motto an dieser Berliner Supermarktkasse. Nehmen wir z B den neuen Berliner Großflughafen...

 

Oder den Berliner Fußballverein Hertha BSC: Der hat angekündigt, dass er demnächst evtl. ein neues Stadion bauen will. Und mit „evtl.“  ist der Zeitpunkt der Eröffnung auch präzise beschrieben.

 

Oder bei uns im Haus, wo ich wohne, da gibt es einen Fahrstuhl. Und wenn man in dem stecken bleibt, und den Alarmknopf drückt, dann passiert.... nischt.

 

Das einzige, was du dann machen kannst? Du rufst die linksautonome Antifa an. Wenn du das in Berlin machst, kannst du dich drauf verlassen, dann hast du 30 Minuten später eine Spontankundgebung von 50 Aktivisten vor deiner Haustür gegen das Vermieterschwein, der aus reiner Profitgier kein Geld in die Fahrstuhlsanierung steckt. Und das zweite was dann auch steckt, bist du, nämlich immer noch im Fahrstuhl.

 

Und wenn du dann neben dem Alarmknopf die Sprechverbindung anwählst, und ein bißchen wartest, also 30 Sekunden, 60 Sekunden, 120 Sekunden. 120.000 Sekunden. und dann irgendwann jemand am anderen Ende rangeht, und du dem sagst: "Ick stecke im Fahrstuhl fest, wann komm ick hier raus?" Dann rate doch mal, was du zur Antwort zu hören kriegst?

 

„Sie sehen doch, es passiert nichts.“ Treffender könnte man eine Zustandsbeschreibung für die gesamten Berliner Organisationstrukturen nicht auf den Punkt bringen. Das einzige, was in Berlin funktioniert, ist der Flughafen Tegel. Und deswegen soll er ja auch geschlossen werden.

 

Warum ich das erzähle? Nun, in dieser Stadt leben die, die im Bundestag sitzen und in Deutschland unsere Politik bestimmen. Und da gucke man sich nur einmal an, welche innovativen und fortschrittlichen Beschlüsse unsere Regierung bezüglich Klimapolitik, Digitalisierung, Altersarmut, Mietenwahnsinn, Waffenhandel, Reichensteuer, Bildungspolitik, Gesundheitssystem, usw usw gemacht hat, Resultat: „Sie sehen doch, es passiert nischt.“

 

Hmmm,. wär ich vielleicht doch mal lieber nach Wolfsburg zu VW gezogen.. oder nach Frankfurt ins Bankenviertel.

 

 



Kommentare

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3 Kommentare
#3 Inge Schweizer schrieb am 26.11.2019 15:19

bei uns heißt das: kennet se net no a Kass ufmacha. Vielleicht macht no oiner oine uff Wo ist das? Sie waren letztens bei uns, war Spitze (Bietigheim-Bissingen). Wir freuen uns schon aus nächste mal.

Mir hoffat, dass se widderkommat.

Gruss Inge Schweizer

BUTZKOMMENTAR:
#2 sandra schrieb am 26.11.2019 11:55

spät kommt der drauf, doch er kommt drauf. Aber obwohl ich schmunzeln musste, und "es passiert nischt" Dein Ausspruch für das ist, was bei uns "Mensch, ick bin hia ganz alleene" heisst (auch erlebt, natürlich, in ähnlicher situation) - wenn du noch ein paar Jahre hier lebst, erkennst du, dass die Berliner "Na, Du Arsch" - sager das auch liebevoll meinen. Wirklich! Und trotz der Berliner Gleichgültigkeit (liebevoll Stoizismus" genannt) ist es doch so, dass ,wenn einer hinfällt, in der Sekunde 5 Leute da sind, die aufstehen helfen oder die Rettung rufen. Hat mich damals, als ich Neo-Berlinerin war, auch überrascht.

BUTZKOMMENTAR:
#1 Brigitte Lüdorf schrieb am 26.11.2019 10:59

Hallo Herr Butzko,

war im November (wieder einmal!) in Eberberg in ihrem Kabarett Abend. Es war fantastisch, es war gruselig(die Wahrheiten!) und einfach einmalig. So hellwach, so kritisch und vorwärtsorientiert wünsche ich mir unsere Politik und Gesellschaft. Herzlichen Dank für den Abend Brigitte Lüdorf

BUTZKOMMENTAR: