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Kulturelle Aneignung (SEPT 22)

Liebe Freundinnen und Freunde,

Ein Satz, mit dem das Thema kulturelle Aneignung ad absurdum geführt werden soll, lautet: „Ich habe früher als Kind auch Cowboy und Indianer gespielt.“

Und immer, wenn ich sowas höre, denke ich: Ja und? Ich auch. Und wofür genau ist dies nun ein Argument?

Was will man damit sagen? Was ich als Kind gespielt habe, kann darum ja gar nicht schlimm sein? Hallo? Kinder reissen auch Fliegen die Flügel raus und blasen Frösche auf. Oder gucken im Fernsehen die Teletubbies. Man weiss nicht, was schlimmer ist.

Es gab auch mal Zeiten, da haben Kinder Inquisitor und Hexe gespielt, oder SS-Mann und KZ-Insasse. Was Kinder halt so spielen, wenn sie es nicht besser verstehen. Wer hätte nur geahnt, dass so viele Erwachsene mit ihrem Verstand auf dem Niveau eines Kindes stehen geblieben sind?

Man stelle sich doch einfach nur mal vor, das Schießpulver wäre nach seiner Erfindung von den Chinesen nicht nach Europa gelangt, sondern in Mesopotamien links abgebogen und in Afrika gelandet. Scheiß Navi.

Und dann hätten die Afrikaner damit hocheffiziente Feuerwaffen entwickelt und wären bis an die Zähne bewaffnet nach Deutschland rein, und hätten militärisch haushoch überlegen in Deutschland die Bevölkerung massakriert, vergewaltigt, gebrandschatzt, Kolonien gebildet, Bodenschätze und Kulturgüter geraubt.

Und währenddessen würde in Afrika ein afrikanischer Schriftsteller, der noch nie einen Fuß nach Deutschland gesetzt hatte, Bücher über diesen Genozid verfassen, die das ganze Grauen auf Abenteuer, Männerfreundschaften und Lagerfeuer-Romantik reduzieren.

Bücher, in denen die Einwohner Deutschlands mit Klischees und Stereotypen, wie Pickelhauben, Lederhosen, Schuhplattln und Schunkeln an langen Tischen dargestellt würden, teils als Wilde, teils als edelmütige Wilde, und die vor lauter Edelmut sich sogar mit den Edelmütigen unter den Invasoren verbünden würden, um die nicht ganz so Edelmütigen zur Strecke zu bringen. Normalerweise nennt man sowas Kollaborateure. Und wie die enden, sollte man lieber mal in echten Geschichtsbüchern nachlesen, und nicht in erfundenen. 

Aber das schlimmste an diesen erfundenen Geschichten-Büchern wären unfassbar lange, seitenlange unfassbar lange langweilige Landschaftsbeschreibungen von Eifel, Hunsrück und Schwarzwald, dass man 5 Liter Koffein bräuchte, um das durchzustehen. Leider aber gibt es das nicht, denn den Kaffee gäbe es in Deutschland nur, wenn die Deutschen andere Länder kolonialisiert und ausgeplündert hätten, aber dazu hätte das Schießpulver in Deutschland und nicht in Afrika landen müssen.

Und dann stelle man sich vor, dass die Kinder dieser Invasoren sich zu Karneval als Wilde verkleiden, also mit Lederhosen, Gamsbart und Trikots von Dynamo Dresden. Und dann spielen sie Wilde, würden also zu Marschmusik im Stechschritt Paraden abhalten, während andere Kinder sich als Invasoren verkleiden, und dann spielen die Kinder der Invasoren Wilde und Invasoren. „Peng Peng – du bist tot.“ „Gah nich. Selba!“

Und den weiblichen Anteil der wilden Bevölkerung würden die Invasoren übrigens nicht Frauen nennen, sondern mit einem Begriff beschreiben, der mit „Schlampe“ noch nett umschrieben ist.

Und wenn dann Angehörige und Hinterbliebene der Unterdrückten und Ausgeplünderten darauf hinweisen, dass die Bücher dieses Schriftstellers die Geschichte verzerren, und das Vokabular zutiefst diskriminierend ist, und deswegen darum bitten, diese Bücher so nicht mehr zu verwenden, bekommen sie als Antwort, dass man sich nicht einer Sprachpolizei beugen werde.

„Das sind doch nur Geschichten, die wir als Kinder so geliebt haben.“ hieße es. 

Ja eben. Das ist ja das Problem. Denn genau deswegen, weil sie das mit ihrer Muttermilch in ihre DNA aufgenommen haben, sträuben sie sich als Erwachsene, dem realen Schmerz und dem realen Leid der realen Opfer mit Empathie zu begegnen.

Eltern, die gar nicht merken, wie man sie in ihrer Kindheit verblödet hat, wollen, dass ihre Kinder verblödet werden.

Und antworten deswegen: „Wir lassen uns doch nicht vorschreiben, was wir zu lesen haben!“ Richtig. Und zwar an allererster Stelle die BILD, das Fachblatt für Aufklärung und Weiterbildung.

Dieses Presseorgan hat nämlich über einen Shitstorm berichtet, den es selber ins Leben gerufen hat. Wie hat man früher sowas genannt? Volksverhetzung!

Und nur, weil ein Buch-Verlag verstanden hatte, wie verletzend die Geschichtsklitterung für die Unterdrückten und Ausgeplünderten gewesen sein muss, und für deren Angehörige und Hinterbliebene es immer noch ist, und deswegen aus Einsicht entschied, diese Bücher vom Markt zurückzuziehen, bekam dieser Buchverlag den Vorwurf zu hören, dass er vor der Cancel-Culture einer Allmans-of-Color-Brigade eingeknickt ist.

Und wo käme man denn jetzt dahin? Dann müsse man auch Goethes Faust verbieten, oder Donald Duck. Ja genau. Lieber weiter Nonstop Nonsens.

Dabei ist es im Grunde doch ganz einfach: Wenn dein Verhalten jemand anderem wehtut, und der sagt dir, dass dein Verhalten ihm wehtut, wie lautet da die richtige Antwort?

a) Ich habe mich schon immer so verhalten, und noch nie hat sich jemand beschwert.

b) Tschulligung.

 



Kommentare

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4 Kommentare
#4 Dieter Lowisch schrieb am 19.09.2022 22:12

Der schwächste Butzko Beitrag, den ich gelesen hab. Kulturen und deren Inhalte haben sich schon immer gegenseitig beeinflusst und befruchtet. Ohne dem wären unsere Kulturen nicht wie sie sind. Und das ist gut so. Alles zu verteufeln, was irgendwie von vermeintlich anderen Kulturen beeinflusst oder angenommen wurde ist anmaßend und dumm. Wer das wirklich ernsthaft verfolgt müsste konsequenterweise auch auf das Rechnen mit arabischen Zahlen verzichten. Denn die stammen auch nicht aus der europäischen Kultur.

BUTZKOMMENTAR:
#3 Dieter Hübner schrieb am 19.09.2022 19:22

Der Kolonialismus an sich gilt ja als überwunden.

Ich glaube aber das Problem ist der immer noch vorhandene Neokolonialismus und sind die ebenfalls immer noch damit einhergehenden Denkstrukturen, hauptsächlich in den hochentwickelten Industriestaaten.

Gesellschaftlich notwendige Veränderungen wie im vorliegenden Fall beginnen immer im Kopf. Tja und normaler Weise ist das Denken eines der größten Vergnügen der Menschheit.

Mit etwas gesundem Menschenverstand und ein paar Einleitenden Kommentaren kann man fast jedes Buch lesen.

BUTZKOMMENTAR:
#2 Roman schrieb am 19.09.2022 17:45

Es gäbe so einiges zu vermerken, auch über die Fantasie, 'was wäre, wenn Afrika Europa kolonialisiert hätte ...',

Doch erlaube mir in Stichworten etwas zu verdeutlichen.

 

1. in den USA sind die Indianer stolz als 'American Indians' bezeichnet zu werden.

Sie schmunzeln über unsere allergischen Reaktionen auf sogenannte 'kulturelle Aneignungen'.

Der Begriff selbst ist ja schon ein schwammiger und sehr interpretierbarer.

 

2. ich halte den Vergleich oder die Parallelsetzung 'Cowboy & Inadianer' zu 'SS-Mann & KZ-Insasse' für völlig unmöglich und in ihren Dimensionen für gelinde gesagt geschmacklos missglückt.

 

3. ich bin einiges über 60. Als wir Cowboy & Indianer spielten, waren wir gern auch Indianer, weil sie für uns klüger als die Cowboys waren.

Ich wuchs in naher Berührung zur Natur auf und da war uns das Wissen über und von den Indianer etwas wertvolles.

Mein damaliger bester Freund sammelte Bücher und Utensilien über Indianer.

Wie stolz war er, sich mit ihnen zu identifizieren.

 

4. ich verweise sehr gern auf die ZEIT-# 37-Kolumne von H. Martenstein zum Thema Winnetou & Co

 

Wir sollten mit mehr Gelassenheit und viel souveräner über kulturelle Aneignung sprechen und wo sie vielleicht tatsächlich zutrifft.

 

Und überhaupt: wer eigentlich entscheidet darüber?

Eine Minderheit von kulturellen AneignernInnen?

 

Die Ravensburger jedenfalls beugten sich einer Minderheit aus rein kommerziellen Erwägungen und ganz sicher nicht, um Literatur völlig abwegig neu zuschreiben, die 'damals' in einem zeitgemäßen Kontext entstand.

Wir sollten lieber lernen, den Kontext zu verstehen, als heute den Kulturrichter und Moralapostel rauszuhängen, als wäre das eine intellektuelle oder gar kulturelle Leistung, die wir vorgeben zu erbringen.

 

Roman

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